22.06.2007

Kurzgeschichte von ca. 1992 (wiedergefunden...): "Totaler Stromausfall in unserer Stadt"

Dieser Junge, der immer wieder „Autsch, autsch!“ sagte, starb vor einem Jahr. Ich kannte ihn kaum... Er wohnte drei Häuser weiter und war auch vier Jahre jünger als ich. Deswegen hatte ich nicht viel mit ihm zu tun. Sein Tod allerdings hatte mich ziemlich beschäftigt. Vielleicht aber auch nur, weil mich der Tod meiner Verlobten nicht im geringsten berührte und ich so - meine Furcht und Abneigung vorm Tod stauten sich bei so vielen Todesfällen – alle meine Ängste und Aggressionen frei lassen musste. Ich vermute nämlich, dass mich der Junge heimlich als Gespenst heimsuchte, nachdem er starb. Als er noch lebte sah er mich immer so an, als ob er sagte: „Na, warte, Bursche, Dich suche ich heim, wenn ich verrecke!!!“ Und das, obwohl ich ihm nie etwas tat, ich kannte ihn ja nur vom sehen!

Ich kann auch nicht mit Sicherheit sagen, ob er mich als Gespenst besuchte. Ich sah nur manchmal ein weißes Bettlaken in meinem Schrank, obwohl dort nur graue Metallspielsachen aufbewahrt wurden.

Sie fragen sich sicher, warum hier im perfekt gesprochen wird. Das ist ganz einfach: Eines Nahts, als es wirklich verdammt finster war (totaler Stromausfall in unserer Stadt), dachte ich wieder, der Junge käme als Gespenst. In meiner Angst sagte ich zuerst gar nichts. Dann, als ich fast in Panik geriet, stellte ich folgendes seltsamerweise kühl und sachlich fest. Ich sagte: „Herr Gespenst, Ihre Maftern muftern!!!“

Seitdem wurde ich nie mehr von jenem Gespenst heimgesucht.


18.06.2007